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„Uhr bleibt steh’n, dann ist es schön, schön ist’s nicht, wenn Glas zerbricht.“ (S.132)

Was es mit diesem vielsagenden Satz auf sich hat, kann ich leider nicht verraten, ohne inhaltlich etwas vorwegzunehmen, aber er soll auch nur beispielhaft dazu dienen, um die Kraft der Worte von Michael Kunz‘ Schreibstil hervorzuheben. Empfohlen ist das philosophische Werk nämlich für Kinder ab 10 Jahren und trotzdem hat der Autor auch bei diesem jungen Publikum nicht an seinem schriftstellerischen Können gespart und mich mit seiner Leichtigkeit, in die er die verschiedenen Thesen verpackt, überrascht. Dabei wirkt „Das Geheimnis der goldenen Brücke“ aber zu keinem Zeitpunkt kindisch oder simpel, sondern überzeugt vielmehr durch einen Protagonisten, der selbst im Alter von sieben Jahren schon über eine ausgesprochen tiefe Weisheit verfügt und statt mit Raufbolden lieber seine Zeit in der Natur mit seinem Freund „Baum“ verbringt.

Er grübelt über Dinge nach, die manche Menschen ihr ganzes Leben lang nicht hinterfragen und verkörpert mit seinem unbändigen Wissensdurst und seiner zugleich sensiblen Seite, die sich vor der Einsamkeit fürchtet, die beiden Extreme seiner Eltern in sich.

Mit Peters Mutter bin ich im ersten Teil zwar nicht besonders warm geworden, weil sie mir in einigen Szenen zu überheblich war, doch der Grundgedanke hinter ihren Aktionen ist doch ungemein wichtig in unserer heutigen Gesellschaft, da sie mit ihrem Herz für das Wohl ihres Kindes kämpft und bei Problemen nicht einfach weg schaut.

Kunz‘ Roman ist ein Paradebeispiel für ein Buch, welches man liest und danach so schnell nicht mehr vergisst. Es greift natürlich die Frage nach dem Sinn des Lebens auf und ruft die Leser dazu auf, die wertvollen Momente zu genießen und für den Augenblick zu leben. Es klingt so einfach und ist doch wahnsinnig schwer, weil uns heutzutage der Drang nach Macht und Anerkennung täglich mehr erdrückt und wir aus diesem Kreislauf nicht ausbrechen können – es sei denn, wir werden auf eindrucksvolle Weise darauf aufmerksam gemacht.

Viele kleine Geschichten, wie zum Beispiel die des Schmetterlings Vanessa, welche trotz der Warnung ihrer Mutter den Todesstreifen überfliegen möchte, um die duftenden Blüten auf der anderen Seite zu kosten, wechseln sich mit Peters Kapiteln ab und sprechen einige moralische Themen an, deren Verständnis für uns alle notwendig ist und auf diese personifizierte Weise unser Mitgefühl ansprechen.

Der kleine Peter, dem die eher unscheinbare Schatulle seiner Mutter (ein Geschenk zu seinem Geburtstag) mehr bedeutet, als sonstiger technischer Schnickschnack und der bodenständig seinen Weg geht, ist ein prima Vorbild für die kleinen Leser und Eltern sollten unbedingt mit ihren Sprösslingen gemeinsam seine wunderbare Reise verfolgen. Es ist eine Reise, bei der selbstverständlich auch Stolpersteine die kindliche Unbeschwertheit stören, doch am Ende bleibt der Blick auf ein erfülltes Leben auf das man stolz sein kann und glücklich auf das vollbrachte sein kann.

Das Geheimnis eben jener goldenen Brücke geriet durch einen interessanten Mittelteil bei mir fast schon in Vergessenheit und wurden nur durch die kursiv gedruckten Passagen, die von einem ominösen „ES“ gesprochen werden und teilweise bedrohlich und dann wiederum aufmunternd klingen, wieder in Erinnerung gerufen. Bis zum Schluss bleibt der Urheber dieser Zeilen ungewiss und überrascht dann mit seiner wahrlich göttlichen Identität. 🙂

„Ich bin vielmehr der Einzige, der die Gefahr erkennt. Diese Fahrräder sind Ungetüme aus Stahl und Blech, die die Sittlichkeit untergraben.“ (S.20)

Es ist kaum zu glauben, aber im Berlin des 19.Jahrhunderts war diese Ansicht noch normal und Fahrradfahrer kämpften um Recht und Ansehen, um ihren Sport legal auf der Straße wie z.B. Unter den Linden ausführen zu dürfen, wobei sie bei den angesehenen Bürgern der Stadt allerdings auf taube Ohren stießen.

Dr. Otto Sanftleben gehört den Anhängern der neuen Zweiradkultur an und ist gleichzeitig sehr bewandert auf dem Gebiet der Erforschung von Körpersprache, mit dem Ziel Lügen zu entlarven, und damit eine wahre Bereicherung für die Polizei. Diese hat es gerade mit einem skrupellosen Mörder zu tun, der seine weiblichen Opfer nicht nur kreuzigt, sondern auch noch verbrennt. Gleichzeitig sorgen verschiedene politisch motivierte Anschläge für einigen Trubel im Deutschen Kaiserreich; da ist ein kühler Kopf gefragt, um den Durchblick zu behalten. Als Otto aber die Zeugin Rieke trifft, verliert er sein Herz an die geheimnisvolle Revueschauspielerin – kann er trotzdem noch erfolgreich die Ermittlungen unterstützen? Und welche Geheimnisse bergen die sittsamen Bürger von Berlin hinter verschlossenen Türen?

Als Berlinerin war es für mich sehr interessant, einen kleinen Einblick in die Hauptstadt zur Kaiserzeit zu bekommen und das Cover sorgt in Verbindung mit den bildlichen Beschreibungen des Autors für eine gute Möglichkeit, das Flanieren am Brandenburger Tor lebendig zu machen. Die Protagonisten überzeugen mit ihrem eigenen Charme und sind gleichsam in ihrer bewegenden und zum Teil sogar verstörenden Vergangenheit jeder ein Unikat, die auch nicht so einfach zu durchschauen sind.

Lediglich die politischen Hintergründe hätten für mich gerne nicht so viel Platz in dem historischen Krimi einnehmen müssen, doch irgendwie sind diese auch wieder eng verbunden mit dem eigentlichen Handeln, was eine klare Abgrenzung schwierig gemacht hätte, doch diese Informationen langweilten mich, was sie allerdings auch im Geschichtsunterricht schon taten, deswegen will ich dem Autor da mal keine Vorwürfe machen. 😉

Rund 120 Jahre sind Ottos Abenteuer her, doch Tim Pieper hat uns ohne Mühe einen abwechslungsreichen Roman vorgesetzt und veranschaulicht, dass diese Zeit auch über einigen Unterhaltungswert verfügt.

Die Titelseite aus der Berliner Gerichtszeitung, die im vorderen Teil abgedruckt ist, möchte ich noch gerne erwähnen, da diese kleinen Details ein Buch immer zu etwas Besonderem machen und erst so richtig auf die jeweilige Epoche einstimmen. Allerdings würde ich mir vom emons Verlag wünschen, dass die Lücken zwischen den einzelnen Kapiteln etwas größer wären, da ich gleich darauf folgende Kapitel als störend empfinde.

Über die Autorin:

Sara B. Elfgren arbeitet als Drehbuchautorin und Dramaturgin und feiert mit ihren Film- und Fernsehproduktionen in Schweden große Erfolge.

Mats Strandberg hat bereits drei Bücher für Erwachsene geschrieben. Sein neuester Roman wurde auch ins Deutsche übersetzt. Er arbeitet außerdem als Journalist und Kolumnist beim Aftonbladet, Schwedens größter Abendzeitung.

Als sich die beiden zum ersten Mal trafen, entdeckten sie ihre gemeinsame Leidenschaft für Bücher mit übersinnlichen Elementen. Die Idee, zusammen an einem Buch für junge Leser zu arbeiten, war schnell geboren. Zirkel ist der Debütroman des Autorenteams und der grandiose Auftakt einer Trilogie.

Zum Inhalt:

Es war kein Selbstmord!“

Das weiß Linnea ganz genau, nachdem ihr bester Freund Elias auf der Toilette mit aufgeschnittenen Pulsadern gefunden wurde. Die Polizei legt den Fall aber schnell als Selbstmord zu den Akten und in der Schule wundert sich auch niemand über den Tod des Jungen, denn er hatte mit Depressionen zu kämpfen und suchte Trost in Drogen – er ist das Opfer seiner Sucht geworden, war einsam und vielleicht war es auch eine Erlösung für ihn, damit findet man sich ab..

Kurz darauf in einer Vollmond-Nacht laufen sechs Mädchen wie ferngesteuerte Roboter zu einem stillgelegten Vergnügungspark und werden dort von dem Hausmeister der Schule mit unglaublichen Neuigkeiten erwartet. Sie sind die Auserwählten und bilden den Zirkel, im Kampf gegen das Böse, welches im Schulgebäude lauert und Elias auf dem Gewissen hatte. Die Mädchen sind Hexen und müssen eine dunkle Prophezeiung aufhalten, doch das Böse hat die Krallen schon nach ihnen ausgestreckt! Können sie die dunkle Bedrohung aufhalten?

Meine Meinung:

„Zirkel“ ist der Auftakt einer Trilogie, die in Schweden einen wahren Boom ausgelöst hat und als großer Schweden-Krimi-Fan hat mich auch das Hexen-Fieber gepackt.

Der Roman liest sich ausgesprochen gut und ist ein regelrechter „Pageturner“, obwohl zu Beginn noch nicht viel passiert, baut die Autorin einen Sog auf, der bis zum Schluss nicht nachlässt. Der Schwerpunkt liegt natürlich in der Vorstellung der Protagonisten, die unterschiedlicher nicht sein können und dadurch für einigen Zündstoff innerhalb der Gruppe sorgen. Die erzwungene Gemeinschaft steht noch auf wackligen Beinen und ein falsches Wort rüttelt stark an dem noch lockeren Vertrauen.

Minoo ist die Strebsame der Gruppe und kommt aus einem behüteten Haus. Sie ist sehr ehrgeizig und möchte immer die Beste sein – zu ihrem Pech hat sie aber als Einzige noch keine Gabe, die sich im Laufe der Zeit aber noch zeigen soll.

Vanessa würde hingegen am liebsten von Zuhause ausreißen, weil sie sich mit ihrem Stiefvater überhaupt nicht versteht und mit ihrem Freund ein neues Leben weit weg von Engelsfors beginnen.

Rebecka ist ein hübsches Mädchen und mit dem begehrtesten Jungen der Schule zusammen. Davon kann Anna-Karin nur träumen – sie ist ein dicker Teenager und wünscht sich nichts sehnlicher, als nicht mehr von Ida (der fünften im Bunde) gemobbt zu werden. Linnea bildet den krönenden Abschluss und ist die Selbstständigste von ihnen, mit einer eigenen Wohnung und auch sonst einem eigenwilligen Kopf.

Mein Liebling ist eindeutig Anna-Karin, weil sie als Mobbing-Opfer ganz klar automatisch Sympathiepunkte sammeln konnte, aber auch weil sie sehr tierlieb ist und eine enge Verbindung zu ihrem Großvater hat. Ihr neues Dasein als Hexe und ihre starke Gabe machen sie zwar etwas übermütig, doch es ist nur verständlich, dass sie auch einmal glücklich sein möchte und ich finde sie dadurch noch menschlicher..

Zu den einzelnen Gaben möchte ich an dieser Stelle nichts verraten, denn da sollte man sich als Leser überraschen lassen. 😉

„Zirkel“ ist als Jugendbuch deklariert, davon darf die ältere Leserschaft sich aber nicht abschrecken lassen, denn der Inhalt ist durchaus spannender als mancher Thriller für Erwachsene und die düstere Atmosphäre, die gerne noch in den Folgebänden gesteigert werden kann, war ein guter Rahmen für da erste Abenteuer der Freunde.

Nebenbei werden noch viele weitere Probleme thematisiert, wie Magersucht, Drogen und häusliche Diskrepanzen, die für die Nachbarn hinter einem Schleier der Verschwiegenheit versteckt werden und mühelos in die übernatürlichen Passagen eingeflochten werden.

Hexen sind eine gelungenen Abwechslung in einer Zeit, die von literarischen Vampiren regiert wird und ich kann die Veröffentlichung des Nachfolgers gar nicht erwarten!

Gebundene Ausgabe: 608 Seiten

Verlag: Dressler (Februar 2012)

ISBN Nummer: 978-3791528540

Zum Inhalt:

Während ihr Meister Julius Lawhead die Strafe für seinen Ungehorsam in einem verriegelten Sarg büßt, nutzen seine unsterblichen Anhänger Christina und Brandon die Zeit, um in dem Indianer-Reservat in Phönix auf den Spuren von Brandons Kindheit zu wandeln. Das unzertrennliche Vampir-Paar gerät allerdings schon bald in die Fänge des tot geglaubten Nathaniel Coe, der sein Recht auf Brandon fordert und dem Navajo zeigt, was es heißt, ein Vampir zweiter Klasse zu sein und das Martyrium damit seinen Lauf nimmt. Julius spürt die qualvollen Schmerzen seines Schützlings und beschließt, dem mächtigen Coe ein unmoralisches Angebot zu machen, was seine Liebe zu Amber auf eine harte Probe stellt.

Meine Meinung:

„Septemberblut“ und „Flammenmond“ sind so verschieden wie Tag und Nacht. Erinnerte der erste Teil noch an einen Abklatsch von einer bekannten Vampir-Reihe, dessen Liebesbeziehung beinahe alles überschwemmte, so kann der Folgeband mit einer neuen Seite überzeugen.

Der erste Gefühlssturm der Protagonisten verebbt langsam und Amber wird sich im Klaren darüber, was es bedeutet einem Vampir die Treue zu schwören. Sie hinterfragt die steifen Regeln des Clans und lässt sich nicht mehr so einfach bevormunden, wagt sogar gefährliche Alleingänge, die ich dem Mädchen aus L.A. niemals zugetraut hätte.

Die Brutalität kennt in der Hitze der Wüste keine Grenzen und hat mich in ihrer Intensität und in ihren Einzelheiten etwas überrascht. Für zarte Gemüter sind diese Folter- bzw. Kampf-Szenen wirklich nicht geeignet und Kindern würde ich diese Stellen auch nicht zumuten wollen, doch sie haben sich eindrucksvoll in das Geschehen eingegliedert und für Action, Tempo und Spannung gesorgt. Coe ist als Gegner nicht zimperlich und Julius selbst wird in seiner ersten Mission als Meister auch härter, wie es eben seine Natur ist, wodurch diese Stilmittel notwendig waren, um die Abgrenzung zu seiner Liebe für Amber zu verdeutlichen.

Im letzten Drittel des Romans erfahren wir viel über den Sonnentanz als heiliges Indianer-Ritual, und die Ausführungen darüber waren sehr interessant. Die Zeremonie bringt nach der blutigen Metzelei wieder etwas Ruhe in die Geschichte, doch diese Passage hätte ohne weiteres gekürzt werden können!

Insgesamt war das eine wirklich gute, solide Leistung, die endlich mal wieder den Kern des Vampir-Mythos‘ in den Mittelpunkt rückt und mit der Rebekka Pax beweist, dass die Angst vor den Blutsaugern, die Jahrhunderte überlebt hat, nicht umsonst über Generationen aufrecht erhalten wird. Vampire sind keine Freunde, die lieb und nett durch die Nacht streifen und sich in hübsche Mädchen verlieben – es sind Raubtiere mit animalischen Instinkten, die nach Blut verlangen und das ist in „Flammenmond“ deutlich geworden.

Die Steigerung zum ersten Band ist enorm, obwohl ich wieder feststellen musste, dass diese Wesen der Nacht wohl nicht mehr zu meinen Lieblings-Kreaturen in der Fantasy-Literatur werden – das ständige Beißen und Jagen ist doch auf Dauer etwas eintönig.

Dieses Buch ist zwar durchaus als eigenständiges Werk zu sehen und kann ohne Vorkenntnisse gelesen werden, allerdings war ich an einigen Stellen froh, genügend Hintergrundwissen über die strengen Vorschriften und Rituale zu kennen. Wem der erste Band also nicht gefallen hatte (ich zähle mich dazu) sollte der Autorin auf jeden Fall noch eine zweite Chance geben – es lohnt sich!

Rebekka Pax hat vielleicht keine Reihe für romantische Teenies geschrieben, doch davon gibt es mittlerweile auch eindeutig genug!

Taschenbuch: 464 Seiten

Verlag: Ullstein Taschenbuch (17. Februar 2012)

ISBN Nummer: 978-3548282497

Ich weiß noch genau, dass unsere Musiklehrerin in der Schule mit uns „Die Dreigroschenoper“ von Bertolt Brecht besprochen hat und ich damals weder von der Inszenierung, noch von dem Inhalt sonderlich begeistert war. Brecht hat sich damals von John Gays „The Beggar’s Opera“ inspirieren lassen und die Entstehung eben jenes Stückes wird nun in „Gegen alle Zeit“ auf interessante Weise beleuchtet, die sogar mich zum Staunen gebracht hat.

Über den Autor (von amazon.de):

Tom Finnek, 1965 in Westfalen geboren, lebt als Filmjournalist und Schriftsteller in Berlin. Als Autor (unter dem Namen Mani Beckmann) beschäftigt er sich schon länger mit historischen Stoffen, insbesondere zum Münsterland. Für ihn ist London mit seiner langen, wechselhaften Geschichte genauso faszinierend wie Berlin. Tom Finnek ist verheiratet und hat zwei kleine Söhne, auf die er sehr stolz ist.

Zum Inhalt:

Henry Ingram, Schauspieler am London Theatre, erwacht nach einer gelungenen Aufführung als Captain Macheath in einem stinkenden, dunklen Loch, welches mehr an einen Kuhstall als an eine Schlafstätte erinnert. Die ganze englische Hauptstadt wirkt über Nacht irgendwie verwandelt und ähnelt mehr dem Stadtbild aus Geschichtsbüchern. Hat die Theater-Crew, während er seinen Rausch ausgeschlafen hat, ein Meisterwerk vollbracht und unzählige Straßen in ein antikes Bühnenbild verwandelt oder ist die Erklärung dafür vielleicht woanders zu finden?

Völlig orientierungslos sucht er das Gespräch zu seinen Mitmenschen und trifft eine zwielichtige Gaunerbande, bestehend aus Huren und Beutelschneidern, die auf dem Weg sind den berüchtigten Jack Sheppard aus dem Gefängnis zu befreien und Henry soll dabei helfen..

Wurde Ingram tatsächlich dreihundert Jahre in die Vergangenheit geschickt oder ist das alles nur ein besonders schlimmer Kater?

Als er zufällig Blut an seinen Händen riecht, kommt langsam die Erinnerung an seinen letzten Abend in der Gegenwart bzw. Zukunft zurück und damit ein furchtbarer Verdacht: hat er einen Mann getötet, der seine Freundin erobern wollte? Ist die Zeitreise eine Strafe für die Tat oder hat Henry eine andere Aufgabe vor sich, die vielleicht sogar mit der noch nicht geschriebenen Bettlersoper zusammenhängt?

Größte Priorität hat aber erst das Überleben, denn im 18. Jahrhundert gelten härtere Regeln.

                               But now see it is time for us to withdraw;
                               the Actors are preparing to begin.
                               Play away the Overture.
 
                               Aber jetzt ist es Zeit, dass wir uns zurückziehen;
                              die Schauspieler bereiten sich vor anzufangen.
                              Spielt die Ouvertüre.
 
                              John Gay, The Beggar’s Opera, Einführung

Meine Meinung:

Wer den ersten Teil der London-Reihe („Unter der Asche“) schon kennt, darf sich auf ein Wiedersehen mit Geoffrey Ingram freuen. Geoff ist erwachsen geworden und hat sich durch sein Gerede über den Brand von London allerdings unbeliebt gemacht, da niemand seinen Berichten lauschen möchte und das Feuer vergessen will. Er hat sich nebenbei auch mit den falschen Leuten angelegt und daraufhin ein Bein verloren, wodurch er nun mit einem Holzbein durch die „Slums“ von London geistert und seinem Ruf als „Irrer Geoff“ mit Tratsch und Klatsch gerecht wird.

Der Roman ist in sieben Abschnitte eingeteilt und jeder wird aus einer anderen Sicht erzählt. Durch die Perspektivenwechsel bekommen wir eine schöne Einsicht in jede Gesellschaftsschicht, da nicht nur die Hure Bess oder der Streuner Blueskin, sondern auch das Leben des ehrwürdigen Maestro Pepusch, der die Musik und John Gay, der den Text für die Oper lieferte, beleuchtet.

Tom Finnek gelingt es durch eine gute Mischung aus historischen Material, wie Beschreibungen der Kleidung der Menschen und deren hygienischen Zustand, sowie Henrys neuzeitlichem Denken, den Ton der Zeit zu treffen und dabei aber nicht zu altbacken zu werden. Durch seine gute Recherche zum Räuber Jack und seinen Anhängern (die im Nachwort noch einmal deutlich wird) bleibt er zwar weitestgehend an den historischen Fakten, dennoch könnte „Gegen alle Zeit“ ebenso ein Abenteuer-Roman sein, da durch diverse Verfolgungsjagden richtig Schwung in die alten Gassen kommt.

Ich habe mich jedenfalls keineswegs gelangweilt, was bei historischen Romanen nicht selten vorkommt und mit den straffälligen Protagonisten mitgefiebert, was nicht zuletzt daran liegt, dass das Gesetz in diesem Falle eher die Rolle der Bösewichte zuzuordnen wäre.

Außerdem schwebt die Frage nach Henrys Verbleib über allem und die Leser werden zum Schluss selbst schwanken zwischen bleiben und gehen, denn in dem ganzen Chaos entwickelt sich sogar eine kleine Liebesgeschichte – mit wem wird aber nicht verraten. 😉

Mein Highlight war ein „Ausflug“ in das Irrenhaus Bedlam („Bethlem Royal Hospital“), der super Vorlagen für mein Kopfkino lieferte und mit Witz, Spannung und schriftstellerischem Geschick aufwartete. Die Tatsache, dass Besucher gegen ein kleines Eintrittsgeld die Patienten schikanieren konnten, war dazu ein interessantes Zusatzwissen, was die Frage erlaubt, wer nun normaler ist..

Erwähnen möchte ich auch noch die wunderschönen Illustrationen von Tina Dreher zu Beginn der Kapitel, die trotz (oder wegen?) der schwarz-weißen Schattierungen sehr aussagekräftig sind und die passende Stimmung zu den Szenen verbreiten.

London war wie immer ein perfekter Schauplatz für ein Buch und vielleicht verschlägt es mich bei einem Besuch in Übersee sogar in das London Theatre zu einer Aufführung von Captain Macheath und seinen Freunden. 🙂

Gebundene Ausgabe: 541 Seiten

Verlag: Bastei Lübbe (Lübbe Ehrenwirth); Auflage: 1 (25. November 2011)

ISBN Nummer: 978-3431038439

Über die Autorin (von amazon.de):

Rebekka Pax wurde 1978 in Mülheim geboren. Nach Abschluss eines Studiums der Skandinavistik und Archäologie war sie mehrere Jahre sowohl in Amerika als auch in Deutschland beim Film tätig. In ihren Romanen schreibt Rebekka Pax über ihre zweite Heimat Los Angeles. Heute lebt sie mit zwei Katzen in ihrer Geburtsstadt und arbeitet, wenn sie nicht gerade schreibt, als Archäologische Zeichnerin.

Zum Inhalt:

In Los Angeles‘ Untergrund tobt ein Kampf der Vampir-Clans. Der mächtige Meister Gordon rüstet seine Truppe mit wilden Jungvampiren auf, die Jagd auf menschliches Blut machen und sich nicht scheuen, zu töten – damit ruft er öffentlich zum Angriff. Nur ein magisches Messer kann ihn und seine Untertanten aufhalten. Der gefürchtete Vampirjäger Frederik ist der Träger dieser einflussreichen Reliquie und starb, bevor seine Verfolger ihm das Versteck der Waffe entlocken konnten. Er hat seine Schwester Amber als Adeptin auserwählt, die aber noch nichts von ihrer neuen Gabe weiß. Julius Lawhead hat von seinem Meister den Auftrag bekommen, sie zu seiner Dienerin zu machen, um Gordon das Handwerk zu legen.

Meine Meinung:

Mit Vampiren kann man als Autor gerade wunderbar auf den erfolgreichen „Twilight“-Hype aufspringen und jung und alt mit diesen nachtaktiven Kreaturen begeistern. Mich selbst kann man in dieser Hinsicht nur mit dem Original Dracula überzeugen, jedoch nicht mit seinen liebestrunkenen Vertretern. Meine Erwartungen bei „Septemberblut“ waren demnach relativ gering und so wurde ich wenigstens in dieser Hinsicht nicht enttäuscht.

Bei der Lektüre stellt man schnell fest, dass die Beziehung zwischen Amber und Julius einen großen Raum einnimmt, doch schon der Beginn dieser Liebe ist in meinen Augen schlichtweg unglaubwürdig. Innerhalb weniger Stunden werden aus Fremden, zwei Menschen, die nicht mehr ohne einander leben wollen und besonders Amber vertraut beinahe blind Julius‘ Versprechen, obwohl er sie heimlich zu seiner Dienerin macht, ihre Gedanken beeinflusst und natürlich von ihr trinkt. Der Ärger über dieses Verhalten verfliegt aber in Sekundenschnelle und nicht einmal der dominante, zum Teil sogar herrische Tonfall ihres „Geliebten“ kann ihre Gefühle ins Wanken bringen.

Die Rangordnung und damit einhergehend auch der Gehorsam werden sowieso sehr in den Fokus gestellt und bereiten dem Protagonisten schon bald Probleme. Allerdings werden durch diese Szenen mit unterwürfigen Gesten die stolzen und starken Vampire für meinen Geschmack ins Lächerliche gezogen. Einige Gebaren erinnern zu deutlich an Hunderudel und werden durch häufige Wiederholungen etwas zäh und langweilig.

Für die Autorin ist L.A (laut Danksagung) zu einer zweiten Heimat geworden, doch ich finde diesen Schauplatz nicht unbedingt gelungen und habe auch nicht den Charme der Region gespürt. Die Straßen und der Sunset Boulevard hätten für eine Ortskundige gerne mit mehr Liebe zum Detail vorgestellt werden könne, obwohl Deutschland als Ort des Geschehens vielleicht sogar noch origineller gewesen wäre. Lediglich der „Hollywood Forever Cemetry“ – Friedhof und Julius‘ Ruhestätte – haben mich neugierig gemacht.

Die Bewertung ist mir ziemlich schwer gefallen und ich muss gestehen, dass ich diesen Roman wahrscheinlich nicht zu Ende gelesen hätte, wenn nicht der Nachfolger schon auf meine Rezension warten würde.

Trotz vieler Klischees, die aber bei der Fülle an vergleichbaren Büchern schwer zu umgehen sind, hat mir der Clan der Leonhardts besser gefallen als Edward Cullen und seine Familie, was für eine deutsche Autorin vielleicht im Endeffekt doch noch ein Kompliment ist. 🙂

Auf „Flammenmond“ bin ich dennoch gespannt und hoffe auf viele vampirwürdige Gegner mit reichlich Action, denn die Brutalität der Folterszenen und die heftigen Duelle standen im guten Kontrast zu dem schnulzigen Pärchen. 😉

Taschenbuch: 512 Seiten

Verlag: Ullstein Taschenbuch (7. Dezember 2010)

ISBN Nummer: 978-3548282480

Vor einiger Zeit hatte ich das Glück, für „Die Gewürzhändlerin“ als Rezensentin ausgewählt zu werden und danach hatte ich mir vorgenommen, unbedingt noch den Vorgänger zu lesen. In einer autorenbegleiteten Leserunde konnte ich nun die Anfänge von Luzia und ihrer Herrin entdecken und mich von Petra Schier wieder in das Mittelalter entführen lassen.

Über die Autorin (von amazon.de):

Petra Schier, Jahrgang 1978, lebt mit ihrem Mann in einer kleinen Gemeinde in der Eifel. Sie studierte Geschichte und Literatur und arbeitet mittlerweile als freie Lektorin und Autorin. Schon in ihren ersten beiden Romanen «Tod im Beginenhaus» und «Mord im Dirnenhaus» löste die Apothekerstochter Adelina mit Scharfsinn und Dickköpfigkeit Kriminalfälle im mittelalterlichen Köln.

Zum Inhalt:

Elisabeth von Küneburg ist der Stolz ihres Vaters – wohlerzogen, wunderschön und mit einem Edelmann verlobt – doch eine drohende Familienfehde zwingt das Oberhaupt dazu, seine Tochter bei Freunden in Sicherheit zu bringen. Auf Burg Kempernich macht sie Bekanntschaft mit der Magd Luzia und durch ihr sonniges Gemüt entwickelt sich schnell eine innige Freundschaft zwischen den Frauen. Ganz und gar nicht freundlich ist dagegen das Treffen mit dem Ritter Johann von Manten, der sie mit seinem ungehobelten Temperament fast aus der Fassung bringt. Als dann aber Elisabeths Verlobter völlig überraschend verstirbt, muss sie sich Gedanken um einen geeigneten Nachfolger machen – doch eins weiß sie bestimmt: niemals schenkt sie ihr Herz Johann von Manten.

Meine Meinung:

Ein bisschen geärgert habe ich mich darüber, dass ich „Die Gewürzhändlerin“ vor „Die Eifelgräfin“ gelesen habe, denn so wusste ich natürlich schon, wer die Geschichte überlebt und ob es ein Happy End zwischen den Streithähnen gibt. Nichtsdestotrotz war es wieder sehr unterhaltsam und ich habe mich keineswegs gelangweilt – dazu ist das Leben auf Burg Kempenich auch schlichtweg zu ereignisreich.

Die Pest darf in einem Roman des 14.Jahrhunderts natürlich nicht fehlen und so müssen wir um unsere liebgewonnenen Charaktere bangen, denn auch vor den dicken Mauern einer Festung macht das tückische Bakterium nicht halt und rafft die Menschen qualvoll dahin. Die schrecklichen Symptome sind hinlänglich bekannt und doch habe ich die Seiten mit Abscheu und zugleich Faszination verschlungen. Die teilweise verzweifelten Versuche die Krankheit aufzuhalten und hilflose Bemühungen, um es den Sterbenden in ihren letzten Atemzügen aus Loyalität ihnen gegenüber möglichst angenehm zu machen und sich dabei selbst zu infizieren, lassen uns mit dem heutigen Wissensstand nur den Kopf schütteln. Neu war für mich, dass es einigen glücklichen Seelen vergönnt war, diese unsagbare Krankheit zu überstehen und so gottesfürchtig wie die Menschen in der Eifel damals waren, wirkt es wie ein Geschenk des Himmels.

Bei dem Schreibstil konnte mich der typische Schier-Stil mit seiner Leichtigkeit und Bildhaftigkeit wieder komplett überzeugen und ich musste mich fast ein bisschen bremsen, um nicht durch das Buch zu rasen.

Positiv bemerken muss ich noch, dass wir weiblichen Leser uns nicht mit ewigen Macht- oder Schwertkämpfen auseinandersetzen müssen, sondern einfach einen angenehmen Nachmittag mit einer leichten und doch historisch vielschichtigen Lektüre genießen können. „Die Eifelgräfin“ mutet fast wie ein mittelalterliches Märchen an, bei dem sich die schöne Burggräfin mit Hilfe ihres mutigen Ritters gegen einen gemeinen Feind (ihren Onkel) verteidigen muss. 🙂

Petra Schier ist eine Autorin, die den Kontakt zu ihren Lesern sucht und mich mit ihrem umfangreichen Wissen zu all unseren Fragen gefesselt hat – ihr ist es wirklich gelungen, mein Interesse für historische Romane neu zu entfachen!

Taschenbuch: 576 Seiten

Verlag: rororo; Auflage: 2 (1. Oktober 2009)

ISBN Nummer: 978-3499249563

Hier ist übrigens meine Rezension zu dem tollen Nachfolger:

https://gurkeliest.wordpress.com/2012/01/27/die-gewurzhandlerin-von-petra-schier/

Über die Autorin (von amazon.de):

Marlies Ferber wurde im Jahr von ‚Man lebt nur zweimal‘ geboren, nicht weit entfernt vom Geburtsort von Ian Flemings James Bond, der bekanntermaßen in Wattenscheid das Licht der Welt erblickte. Marlies Ferber erhielt als Buchlektorin die Lizenz zum Töten von Schusterjungen und Hurenkindern. Die freie Autorin und Übersetzerin lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern im Ruhrgebiet.

Zum Inhalt:

Man ist so alt wie man sich fühlt.

James wäre nach dieser Redensart in der Blüte seines Lebens, dabei ist er schon siebzig Jahre alt und denkt aber keineswegs daran, sein Dasein als trostloser Rentner zu fristen. Als Ex-Geheimagent wartet nämlich schon der nächste und gleichzeitig sehr persönliche Fall auf ihn.

Sein bester Freund William Morat hat sich nach dem Tod seiner Frau in eine Seniorenresidenz in Hastings, Südengland zurückgezogen und starb nur kurze Zeit später völlig überraschend an einem angeblichen Herzstillstand. Eine Postkarte mit einem Limerick und der dringenden Bitte um Rückruf lässt bei James aber die Alarmglocken klingeln. War sein Freund in Schwierigkeiten?

Ohne zu zögern mietet er sich ein Zimmer in dem schönen Altersheim „Eaglehurst“ und stolpert beinahe über die nächste Leiche. Was hat das alles zu bedeuten?

                                            „Who is the cat,
                                             who is the mouse,
                                             beware of the trap
                                             and try to find out.“

Meine Meinung:

Bei literarischen Reisen in das schöne London packt mich immer das Fernweh und ich würde am liebsten sofort zum Ort des Geschehens fliegen, weil die Uhren dort im wahrsten Sinne anders ticken und bei einer schönen Tasse Tee die heimtückischsten Morde stattfinden.

Bei diesem Buch ist es ein ganz besonderer Ausflug, denn ein Pflegeheim ist eigentlich kein Schauplatz für einen humorvollen Krimi, doch die Umsetzung dieser Idee ist einfach nur amüsant und überzeugt mich von der ersten bis zur letzten Seite. Mit britischem Humor werden wir durch die teilweise gefährlichen Ermittlungen geleitet und die Verbindung zu der unvergleichlichen Miss Marple endet nicht mit dem Namensvetter und Polizisten „Ruthersford“, sondern fängt da erst an und führt wie ein roter Faden an gelungener und spannender Täter-Suche durch die Lektüre.

Im Epilog wird deutlich, wie sehr der Autorin ihre Charaktere ans Herz gewachsen sind und genau darum macht das Lesen so viel Spaß, weil es nicht einfach Personen sind, die schnell zu Papier gebracht wurden, sondern wie alte Freunde auf den Leser wirken und mit ihrer herrlich skurrilen Art bezaubern.

Ältere Menschen werden ja sehr gerne als meckernde Rentner oder unzufriedene Greise verspottet, doch Marlies Ferber schafft Protagonisten, die so fit in Kopf und Körper sind und dazu noch viel Humor beweisen, dass ich in manchen Situation als 22-Jährige gerne mit ihnen Zeit verbracht hätte. Wie kleine Kinder freuen sie sich auf ihren monatlichen „Eaglehurst-Ball“ und schmuggeln von außerhalb massenweise Alkohol in ihre Zimmer, zudem hat James von seiner reizenden Assistentin einen futuristischen Rollator bekommen, der beweist, dass auch mit siebzig Jahren der Spaß an schnellen und außergewöhnlichen Fahrmobilien bei Männern nicht stirbt. 😉

Auf 272 Seiten habe ich so viele tolle Charaktere kennen gelernt und über noch mehr witzige Szenen gelacht, sodass ich mich gar nicht entscheiden könnte, wer mein absoluter Liebling ist – doch selbst eigentlich unscheinbare Personen, wie ein eifriger Taxi-Fahrer habe ich in mein Herz geschlossen, deshalb freue ich mich riesig auf eine Fortsetzung, die voraussichtlich im Winterprogramm 2012 des dtv-Verlags erscheinen wird.

Ich habe nur einen einzigen James Bond Film gesehen und das hat mir gereicht um seitdem einen großen Bogen um Pierce Brosnan & Co. zu machen. Ich bin sehr froh und dankbar, dass Marlies Ferber uns Frauen ein echt sympathisches „Bond-Girl“, welches nicht nur gut aussieht, sondern die Fahne von starken Damen hochhält, und zusätzlich noch einen Bond-Opi geschenkt hat, der viel cooler, liebenswürdiger und tougher ist, als jeder amerikanische Mitvierziger. 🙂

Thank you for such a wonderful time.

Taschenbuch: 272 Seiten

Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. Februar 2012)

ISBN Nummer: 978-3423213455

Das Übel kommt nicht von der Technik, sondern von denen, die sie missbrauchen.

Jacques-Yves Cousteau

Über den Autor (von amazon.de):

Frank Maria Reifenberg, seit 20 Jahren Wahlkölner, im Westerwald aufgewachsen, nach dem Abitur Ausbildung zum Buchhändler, danach Texter in Public Relations-Agenturen, später mit eigener Agentur, zum Jahrtausendwechsel noch einmal von vorne begonnen: Ausbildung an der Internationalen Filmschule Köln. Schreibt seit über zehn Jahren Drehbücher und Konzepte für Film und Fernsehen, Romane und Erzählungen oder auch mal das Libretto für eine Jugendoper, wenn man ihn wie die Bayerische Staatsoper darum bittet.

Zum Inhalt:

Josie wurde eines von diesen Missbrauch-Opfern und wird im Internet in Zukunft wohl bedeutend vorsichtig sein, wenn es um den sorglosen Umgang mit Chat-Bekanntschaften und den Einsatz ihrer Webcam geht.

Ihr Vater ist Mitglied einer Glaubensgemeinschaft, deren Ansichten er auch Zuhause rigoros umsetzt. Seine Tochter versucht mit aller Kraft sich ein bisschen Freiraum zu erarbeiten und flüchtet nach ihrer Arbeit im Pflegeheim vor ihren Laptop zu Geronimo. Mit diesem Bekannten kann sie über all ihre Probleme sprechen und fühlt sich bei ihm geborgen. Als dann aber der süße Italiener Felix in ihr Leben tritt, will sie ihm zu Liebe den Kontakt zu dem Unbekannten abbrechen, doch der geht in die Offensive und zeitgleich tauchen sehr intime Bilder der Jugendlichen auf, die nur ein geschickter Computer-Hacker auf illegale Weise erschleichen konnte. Will er Josie erpressen oder steckt noch mehr dahinter?

Vor 34 Jahren hatte ein Junge dagegen ganz andere Probleme. Die Flucht seiner Familie aus der DDR verlief problematisch und der kleiner Sohn „Tommi“ muss nun elternlos in einem Heim untergebracht werden. Dort durchlebt er die schlimmsten Jahre seines Lebens und wird gemobbt, misshandelt und ohne Liebe großgezogen. Wie viel verkraftet eine unschuldige Kinderseele und wie hoch ist die Hemmschwelle, um in der Gegenwart selbst zum Monster zu werden? Zwei tote Mädchen pflastern schon seinen Weg..

Meine Meinung:

Das Thema von Internet-Kriminalität geht uns alle etwas an, denn selbst Grundschüler haben heutzutage einen eigenen PC in ihrem Zimmer, um mit Freunden in Kontakt zu bleiben und wissen dabei gar nicht, wie schnell man ins Visier von Perversen oder Verbrechern gerät. Da ist die Idee von Frank Reifenberg die Kinder mit Hilfe eines fiktiven Falls an die Problematik zu führen, gut und wichtig. Leider werden die technischen Hintergründe nur am Rande behandelt und viel schlauer war ich als bekennender Technik-Loser hinterher auch nicht. Natürlich hätte eine intensive Durchleuchtung der Thematik den Rahmen des Thriller gesprengt, doch ein paar Tricks und Tipps zur Prävention mehr wären meiner Meinung nach passend gewesen.

Leider durchschaut man die Zusammenhänge der Handlung ziemlich schnell, wodurch schon nach ¼ der Seiten die Auflösung relativ klar war. Danach ist die Spannung natürlich etwas gedämpft und kommt auch nicht mehr richtig in Gang. Durch insgesamt vier verschiedene Perspektiven versucht der Autor zwar noch ein bisschen Schwung in die Geschehnisse zu bringen, doch dabei entscheidet er sich für die langatmigste Position, die der leitenden Ermittlerin Stella, als die ausführlichste Sichtweise. Über sie erfahren wir am meisten, allerdings mehr über ihr Privatleben und den Zwist im Präsidium, wodurch wiederum die Erzählweise etwas zäh wird und der Fall, insbesondere durch von ihr verordnete freie Wochenenden (trotz lebensbedrohlicher Situation des Mädchens) stagniert.

Insgesamt fehlt mir eindeutig die Tempo-Komponente und eine Portion Spannung in dem Thriller. Bücher aus meinem Lieblingsgenre verschlinge ich sonst ohne Probleme an einem freien Lese-Tag, doch bei „Unsichtbare Blicke“ habe ich für die Abschnitte sehr lange gebraucht und hätte statt dem Fokus auf Stellas eher langweiligen Arbeitsalltag lieber mehr von den Machenschaften solcher Hacker oder auch der Vergangenheit des Heimkinds Tommi als Zeitzeugen der DDR und ihrem totalitären Staat erfahren, was zusätzlich noch die Geschichtskenntnisse der Leser aufgefrischt hätte.

An dem Schreibstil lag die ungewöhnliche Lese-Dauer nicht, denn da hat der Autor sich optimal auf die Zielgruppe eingelassen – geradlinig und klar.

Es waren mir definitiv zu wenig Thriller-Elemente eingebaut, denn die entscheidenden Stellen, wie die Entführung oder die Leiden der gefangenen Mädchen waren mir einfach nicht genügend beschrieben. Es erinnert mehr an einen Roman, die vor den Folgen von Unachtsamkeit im Internet spricht, als an dramatische Lesestunden, doch fairerweise muss ich sagen, dass diese Kritik vielleicht etwas abgeschwächt wird, wenn man bedenkt, dass die angesprochene Altersgruppe zwischen 16 und 17 Jahren liegt. In diesem Alter hat man wahrscheinlich noch keinen großen Verschleiß an Thrillern und findet mit diesem eher „harmlosen“ Vertreter einen angenehmen Start in das Genre und durchschaut die Handlung somit vielleicht nicht sofort.

Mehr als drei Sterne kann ich trotz abschreckender Wirkung und (hoffentlichem) Lern-Effekt auf das Publikum aber nicht vergeben. Meine Webcam bleibt auf jeden Fall verdeckt, damit unsichtbare bzw. fremde Blicke keine Chance haben. 🙂

Broschiert: 400 Seiten

Verlag: rororo (1. März 2012)

ISBN Nummer: 978-3499216176

Über den Autor (von amazon.de):

Kevin Brooks, geboren 1959, wuchs in einem kleinen Ort namens Pinhoe in der Nähe von Exeter/Südengland auf. Er studierte in Birmingham und London. Sein Geld verdiente er lange Zeit mit Gelegenheitsjobs. Seit dem überwältigenden Erfolg seines Debütromans ›Martyn Pig‹ ist er freier Schriftsteller.

Für seine Arbeiten wurde er mit renommierten Preisen ausgezeichnet, u.a mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis und dem Buxtehuder Bullen. Für den Deutschen Jugendliteraturpreis wurde er innerhalb von fünf Jahren vier Mal nominiert und hat den begehrten Preis auch schon zwei Mal erhalten – 2006 für ›Lucas‹ und 2009 für ›The Road of the Dead‹.

Zum Inhalt:

„Die Polizei – dein Freund und Helfer.“

Privatdetektiv John Craine würde bei diesem Sprichwort wohl herzlich lachen! Helen Gerrish ist seine neueste Mandantin und beauftragt den Witwer mit einem sehr persönlichen Anliegen. Ihre Tochter Anna ist seit vier Wochen spurlos verschwunden und die Ermittlungen der Polizei haben nach dieser langen Zeit noch keine Erfolge erzielt. Man vermutete, dass die junge Kellnerin freiwillig von Zuhause ausgerissen sei, um ein besseres Leben ohne Verpflichtungen zu führen, welches sie irgendwann aber wieder in die vertraute Wärme der Familie treiben würde. John beginnt seine Arbeit und findet schon bald Einzelheiten über das Mädchen heraus, die so gar nicht in das heile Bild der Eltern passen dürften. Als sich dann aber Detective Chief Inspector (DCI) Mick Bishop in die Suche einklinkt, spürt er, dass es hierbei um viel mehr geht, als die verschwundene Anna und sein Jagdinstinkt nimmt die Fährte auf.

Meine Meinung:

Bishop ist ein fieser Kerl, der mit Korruption, Erpressung und den richtigen Verbindungen zu obersten Instanzen mit einem Anruf eine regelrechte Armee zu Leuten schicken kann, die ihm im Weg stehen und braucht dabei keinerlei Konsequenzen bei seinen brachialen Anweisungen zu fürchten. John ist aber trotz augenscheinlichem Nachteil nicht hilflos, schließlich hat er mit seinem Neffen Cal ein technisches Genie an seiner Seite, der gemeinsam mit seinem „Onkel Johnny“ ein dynamisches Duo bildet.

Ein wichtiger Teil des Charakters sind die Erinnerungen an seine geliebte Stacey! Ihr Verlust und die Erinnerungen an den Tatort sind auch 16 Jahre danach noch ein Schock. Wie Gespenster arbeiten diese sich hauptsächlich in den einsamen Abendstunden wieder an die Oberfläche und zerren ihn in ein schwarzes Loch. Wir Leser erfahren in (kursiv gedruckten) Bruchstücken immer neue Details darüber und so sind diese Passagen sehr emotionale Einschübe, die das Wesen des Detektivs in neuem Licht erscheinen lassen.

Einzig die vielen Süchte des Protagonisten habe ich als etwas störend empfunden, da er sich nicht nur zu jeder Tages- und Nachtzeit gerne einen Drink genehmigt, sondern auch alles mit seiner Kettenraucherei verqualmt. Um das Klischee der verlotterten Spürnase abzurunden, kann er auch auf eine Drogen-Vergangenheit zurückschauen und bedient sich zudem noch an den Aufputschmitteln seines Neffen.
Wenn man bedenkt, dass er seine Frau durch einen schrecklichen Mord in seinem eigenen Haus verloren hat und die grausam zugerichtete Leiche als Erster entdecken musste, kann das natürlich eine Erklärung dafür sein, dass er die Substanzen als Ersatz für die Trauer in seinem Herzen konsumiert. Ich habe allerdings in letzter Zeit zu viele Krimis gelesen, in denen Cops auf ihre tägliche Dosis Schnaps, Whisky, etc. nicht verzichten können und finde es besonders in Johns Fall sehr ärgerlich, dass er dadurch häufig keinen klaren Gedanken mehr fassen kann und deswegen leichte Beute für seinen Widersachter Bishop wird.

Das kolossale Ende bietet aber auch durchaus noch Potenzial für eine Fortsetzung und manch offene Frage ruft gerade danach. Kreiert der Autor vielleicht sogar einen neuen Harry Hole? Dieser ging von Jo Nesbo auch als trinkender Ermittler in die erfolgreiche Reihe und kämpft in jedem Band erneut gegen seine Laster. John und/oder Kevin Brooks könnte(n) ohne weiteres in dessen Fußstapfen treten, denn das Finale überzeugt auf fantastischen dreißig Seiten mit Spannung, die sich Schlag auf Schlag steigert. Vielleicht kann eine starke Frau an Johns Seite und eine gute Therapie ihn zu einer erneuten Topform verhelfen und dann gibt es auch den fünften Stern. 🙂

Vielen Dank an den dtv-Verlag auch für dieses spannende Rezensionsexemplar!

Taschenbuch: 400 Seiten

Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. November 2011)

ISBN Nummer: 978-3423213295